Meldung

Gefälschte Promi-Werbung: Wie Betrüger mit KI-Testimonials für Nahrungsergänzungsmittel täuschen

Die Verbraucherzentrale NRW warnt vor einem systematisch betriebenen Werbeformat, in dem Namen wie Uschi Glas, Beatrice Egli, Maite Kelly, Barbara Schöneberger, Sonya Kraus oder Dieter Bohlen ohne…

Gefälschte Promi-Werbung: Wie Betrüger mit KI-Testimonials für Nahrungsergänzungsmittel täuschen

Die Verbraucherzentrale NRW warnt vor einem systematisch betriebenen Werbeformat, in dem Namen wie Uschi Glas, Beatrice Egli, Maite Kelly, Barbara Schöneberger, Sonya Kraus oder Dieter Bohlen ohne deren Wissen in fingierten redaktionellen Beiträgen sowie in KI-generierten Social-Media-Posts als Testimonials für Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt werden. Parallel verschärft die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einer Stellungnahme vom August 2026 die pharmakologische Bewertung genau der Substanzen, die in solchen Kampagnen beworben werden — insbesondere im Indikationsfeld Schilddrüsenunterfunktion. Aus Sicht einer evidenzbasierten Praxis verschiebt sich die Risikoabschätzung damit von der Verbrauchertäuschung hin zu einer klinisch relevanten Arzneimittelinteraktion mit L-Thyroxin.

Konstruktion der Fälschung

Die Verbraucherzentrale benennt zwei Verbreitungswege: scheinbare Artikel in nicht existierenden Print-Magazinen sowie gefälschte Beiträge auf Social-Media-Plattformen, häufig erzeugt mit generativer KI. Im Fokus stehen überwiegend Cardio- und Diabetes-Produkte. Die prominente Empfehlung erfüllt eine doppelte Funktion — sie senkt die kritische Prüfung der Inhaltsstoffe und substituiert die fehlende klinische Evidenz durch eine pseudoreferenzielle Autorität. Eine zusätzliche Variante nutzt Kliniken oder Ärzt:innen als Absender, namentlich genannt werden unter anderem Dr. Eckart von Hirschhausen und die Charité. Der zugrundeliegende Mechanismus ist pharmakologisch eindeutig: Wird das Vertrauen in eine Person adressiert, entfällt die ärztliche Indikationsstellung. Die Behauptung, ein Supplement könne eine verordnete Therapie „ersetzen" oder „ergänzen", ist regulatorisch und klinisch nicht haltbar — Ärzt:innen dürfen per Berufsrecht keine Produktwerbung machen.

Was die Datenlage tatsächlich zeigt

Die DGE fokussiert in der August-Stellungnahme 2026 drei Substanzen, die im Kontext Schilddrüsenunterfunktion regelmäßig beworben werden: Selen, Cholin und Mariendistel-Extrakte. Für keine dieser drei Substanzen liegt ein wissenschaftlich fundierter Nachweis einer therapeutischen Wirksamkeit bei bestehender Hypothyreose vor — der Evidenzgrad für die genannte Indikation ist null.

Biochemisch relevant wird der Befund beim Mariendistel-Extrakt: Der enthaltene Wirkstoff Silychristin hemmt den MCT8-Transporter. Da MCT8 den Transport von Schilddrüsenhormonen in die Zielzellen vermittelt, kann eine Supplementierung mit Silychristin die Wirksamkeit einer L-Thyroxin-Substitution direkt untergraben — die zelluläre Hormonverfügbarkeit sinkt, während die Serum-Spiegel scheinbar stabil bleiben.

Für Cholin dokumentiert die DGE zwei voneinander unabhängige Risiken: eine Assoziation mit erhöhtem TSH-Wert, die auf eine veränderte hormonelle Regulation hinweist, sowie eine Assoziation mit gesteigertem kardiovaskulären Risiko. Beide Befunde sind aus Patientensicht binär zu lesen — kein Nutzen bei bestehender Hypothyreose, zusätzliches Risiko für zwei Organsysteme.

Prüfschritte vor jeder Supplementierung

Drei Punkte sind vor jeder Einnahme eines Nahrungsergänzungsmittels bei bekannter Schilddrüsenunterfunktion abzuarbeiten: (1) Liegt für den beworbenen Wirkstoff überhaupt ein Evidenzgrad vor, der die beanspruchte Indikation stützt — bei Selen, Cholin und Mariendistel in dieser Indikation nein. (2) Existieren dokumentierte Interaktionen mit der bestehenden L-Thyroxin-Therapie — bei Silychristin und Cholin ja. (3) Stammt die Empfehlung aus einer ärztlichen Verordnung oder aus einer werblichen Quelle mit fingierter Promi- oder Klinik-Authentizität — in den dokumentierten Fällen durchgehend nein.

Die Daten tragen keine der Werbeversprechen — sie tragen einen Ausschluss. Bei bestehender Schilddrüsenunterfunktion erfolgt die Therapie über L-Thyroxin in ärztlich eingestellter Dosis. Jede zusätzliche Supplementierung erfordert die Rücksprache mit der behandelnden Praxis, nicht mit einer Werbeanzeige.