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Expopharm-Auftakt: Wie Lieferengpässe die Arzneimitteltherapie gefährden

Rund 65 Prozent der ausgelieferten Packungen sind nach Angaben des Großhandelsverbands Phagro defizitär – das war die zentrale Kennzahl, mit der Marcus Freitag die Diskussionsrunde zur Eröffnung der…

Expopharm-Auftakt: Wie Lieferengpässe die Arzneimitteltherapie gefährden

Rund 65 Prozent der ausgelieferten Packungen sind nach Angaben des Großhandelsverbands Phagro defizitär – das war die zentrale Kennzahl, mit der Marcus Freitag die Diskussionsrunde zur Eröffnung der Expopharm eröffnete, die die Pharmazeutische Zeitung ausrichtete. An dem Gespräch nahmen Vertreter von BPI, vfa, Pharma Deutschland, Pro-Generika sowie des Deutschen Apothekerverbands teil. Für die klinisch-pharmakologische Bewertung von Präparaten ist diese Zahl ein eigenständiger Parameter: Sie quantifiziert das strukturelle Risiko der Distribution und entscheidet in der Praxis mit darüber, ob eine pharmakokinetisch optimierte Therapie tatsächlich beim Patienten ankommt.

Druck auf den Großhandel, Risiko für die Lieferkette

Freitag, Vorstandsvorsitzender von Phagro, beschrieb den Pharmagroßhandel als weiterhin unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehend. Die jüngste Honorarerhöhung für Apotheken wertete er als „längst überfällig", nicht aber als ausreichend für die Stabilisierung der gesamten Lieferkette. Bleibt das logistische Rückgrat der flächendeckenden Distribution strukturell unterfinanziert, steigt die Wahrscheinlichkeit von Lieferengpässen – mit direkter Auswirkung auf die Versorgung chronisch erkrankter Patientinnen und Patienten, bei denen jede Unterbrechung die Steady-State-Konzentration gefährden kann. In der Konsequenz verschiebt sich das Risiko vom Hersteller in die Anwendungsebene, wo therapeutische Adhärenz und Bioverfügbarkeit an die Verlässlichkeit der Lieferkette gekoppelt werden.

Versandhandel, Temperaturkontrolle und Zuzahlung

Freitag unterschied zwischen dem klassischen Versandhandel und den Aktivitäten großer Drogerieketten, die er kritischer bewertete. Seine Forderung an die Politik: gleiche Wettbewerbsbedingungen definieren und klar benennen, welche Versorgungsstrukturen langfristig erhalten werden sollen. Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands, kündigte an, die Themen Temperaturkontrolle und Zuzahlungsproblematik auf der Agenda zu halten – „da können wir nicht nachlassen". Für die Bewertung temperaturempfindlicher Wirkstoffe – Biologika, Impfstoffe, bestimmte Insuline – ist dieser Punkt nicht nachgeordnet. Eine lückenlose Kühlkette ist Teil der pharmazeutischen Qualitätssicherung und gehört in jede Nutzenbewertung als Versorgungsprämisse mitgedacht, nicht erst als logistische Nachsorge.

Politischer Spielraum und Konsequenz für die Bewertungspraxis

Mit Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann sieht die Runde einen grundsätzlich aufgeschlossenen Ansprechpartner; gleichwohl räumte Hubmann ein, dass die Apothekenreform in dieser Legislatur weitgehend abgeschlossen sein dürfte. Was bleibt, ist ein Bündel ungelöster Strukturfragen – von der Definition zulässiger Versorgungskanäle bis zur Vermeidung von Engpässen bei kritischen Wirkstoffen. Für jede pharmakologische Bewertung, sei es eines Biologicals oder eines Generikums, ergibt sich daraus ein zusätzlicher Prüfschritt: Versorgungsstabilität, Distributionskette und Lagerbedingungen gehören auf den Prüfstand, bevor aus Studiendaten ein Versorgungsanspruch wird. Die Datenlage allein reicht nicht – die Lieferfähigkeit ist Teil der Evidenz.